Rainer Huber

Gottesdienst zum 1. November

Souffleuse.001 <span class="fotografFotoText">(Foto:&nbsp;Rainer&nbsp;Huber)</span><div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>ref-frutigen.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>122</div><div class='bid' style='display:none;'>2375</div><div class='usr' style='display:none;'>50</div>

Wir haben heute mit Kurzandachten begonnen, um auf diese Art vielen Menschen die Möglichkeit zu bieten, eine Andacht in der Kirche zu erleben. Dafür musste aber die Predigt stark gekürzt werden. Wer mag, kann die Predigt hier in ausführlicherer Fassung nachlesen.
Rainer Huber,
Eine Frau sitzt im dunkeln: Hilde, die Souffleuse! Die anderen stehen im Licht. Und lassen sich feiern: Sänger/innen; Schauspieler.
Hilde sieht keiner. Abgeschirmt vom Publikum sitzt Hilde zu Füßen der Stars. Hilde hat alles im Blick. Sie sieht sofort, wenn etwas nicht stimmt.
Hat der Schauspieler einen „Hänger“, schlägt die Stunde der Souffleuse. Hilde flüstert das passende Stichwort zu. Bringt den stockenden Schauspieler wieder in Gang. Ja sie redet so deutlich, dass man ihr die Worte von den Lippen ablesen kann. Schon bei den Proben ist sie mit dabei, damit sich alle an ihre Mimik gewöhnen. Ich durfte selber jahrelang in Theatergruppen mitspielen und weiss aus eigenem Erleben, wie hilfreich so ein zugeflüstertes Wort sein kann.
Ins Stocken geraten. Fehlende Worte. Unsichtbar sein. Das Licht meiden. Genau das Gegenteil sagt Jesus seinen Jüngern. Im Matthäusevangelium heisste es (10,16b-33):

Fürchtet euch nicht vor denen, die euch bedrohen! Denn nichts bleibt für immer verborgen, sondern eines Tages kommt die Wahrheit ans Licht, und dann werden alle Geheimnisse enthüllt.
27 Was ich euch im Dunkeln sage, das gebt am helllichten Tag weiter! Was ich euch ins Ohr flüstere, das ruft von den Dächern.
28 Habt keine Angst vor den Menschen, die zwar den Körper, aber nicht die Seele töten können! Fürchtet vielmehr Gott, der beide, Leib und Seele, dem ewigen Verderben in der Hölle ausliefern kann.
29 Welchen Wert hat schon ein Spatz? Man kann zwei von ihnen für einen Spottpreis kaufen. Trotzdem fällt keiner tot zur Erde, ohne dass euer Vater davon weiß.
30 Bei euch sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt.
31 Darum habt keine Angst! Ihr seid Gott mehr wert als ein ganzer Spatzenschwarm.
32 Wer sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde ich mich auch vor meinem Vater im Himmel bekennen.
33 Wer aber vor den Menschen nicht zu mir steht, zu dem werde ich auch vor meinem Vater im Himmel nicht stehen.«
Hilde ist die Rettung des Sprachlosen. Wenn sie flüstert, geht es weiter im Text. Das Bild der Souffleuse ist für mich eine Brücke zum Glauben. Jesus, der Retter der Sprachlosen. Ganz in der Ruhe, im geschützten Raum spricht Jesus zu seinen Jüngern.

Seinen Jüngern geht es so wie vielen heute. Sie trauen sich nicht zu reden. Jesus erinnert sie:
Jedes Reden beginnt mit dem Hören.
Es braucht Stille bis Worte bie mir wirklich angekommen, bis Glaube wachsen kann. Meditieren nennen wir eine Übung, die dabei helfen kann.

Hören auf das rechte Wort für den Sprachlosen geschieht in der Stille.

Jesus redet seinen Freunden zweimal die Furcht vorm öffentlichen Reden aus.
Grund zur Furcht gibt nur einer. Seinen Namen nennt Jesus nicht. Dieser eine macht das Leben zur Hölle. Das heißt: er will mich von Gott trennen. Will mir Gott ausreden. Er tut das so lange, bis ich´s glaube und daran mit Leib und Seele zugrunde gehe.

Reformation / Veränderung wurden möglich, weil Menschen gehört und geredet haben.

Stellvertretend für die vielen Reformatoren erinnere ich an Martin Luther. Er geht beinahe zugrunde an seinen Zweifeln. Er will Gott lieben. Und fürchtet ihn. Er fürchtet Strafe für jedes noch so kleine Vergehen. Die Suche nach einem Gnädigen Gott treibt ihn. Irgendwann endlich versteht er beim lesen des Römerbriefes den Satz (Römer 1,17): „Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht »Der Gerechte wird aus Glauben leben.«“
Verstehen heisst, er begreift: Nicht du bekommst einen gnädigen Gott, sondern der gnädige Gott hat dich schon. Er hat dich geschaffen. Und für dich wie für die ganze Schöpfung heisst es: „Siehe, es ist sehr gut! Du bist in Gottes Augen sehr gut!“ Lass dir nichts anderes einreden. Dass Gott dich so liebt, wie du bist, ist keine Frage von Leistung oder Konfession, sondern schlicht eine Frage der Liebe. Die Bibel nennt diese Liebe Gottes „Gnade“.
Die Gewissheit der Gnade lässt Martin Luther laut und öffentlich reden. Das bedeutet nicht automatisch, dass alles gut ist, was er redet. Über manches hätte er lieber noch einmal eine Nacht schlafen sollen, bevor er es hinaus posaunt. Da geht es ihm nicht anders, wie vielen engagierten Menschen heute. Manchmal ist die Zunge schneller als der Kopf. Sei es drum - aber er redet! Er redet davon, wie er Gottes Wort in seinem Leben versteht und welche Misstände er sieht.

Für alle, die im Namen Jesu reden, gilt bis heute: Rede nur, was du selber für dich glaubst. Was dich trägt. Sonst sind deine Worte wie Pappkulissen. Schön anzuschauen. Aber alles nur Theater. Sie sind gar nicht für die Wirklichkeit gemacht. Sie sind flexibel. Du kannst sie in Windeseile austauschen. Wie es dir beliebt.
Die Schauspielerin Hildegard Knef (1925-2002) meint: Die Welt ist redselig. Sie ist vorlaut. Aber nur solange alles in Ordnung ist. Wenn die Welt aber aus den Fugen gerät, wenn einer krank ist oder stirbt, dann fehlen der Welt die Worte. Genau an dem Punkt, wo die Welt schweigt, ist die Kirche die Rettung der Sprachlosen.
Sie hat eine Botschaft. „Ich liebe die Kirche um dieser Botschaft willen“, bekennt die Knef. Ich finde: Hildegard ist ein bisschen wie Hilde und Jesus. Alle zusammen bezeugen den Anfang von Reformen / Veränderungen: „Rede!“
Sie erwarten es von allen, die sich zur Kirche Jesu Christi zählen: Redet! Dann, wenn nichts mehr geht. Wenn der Welt die Worte fehlen. Wenn die Sehnsucht nach den richtigen Worten groß ist, dann sprecht, woran ihr glaubt“.
Wer schweigt, lässt zu, dass es in der Geschichte des Glaubens nicht mehr weitergeht. Ja, wer ständig schweigt, lässt den Eindruck entstehen, Gott, der Souffleur, hätte schon Feierabend.
Hat er aber nicht. Er souffliert mir noch immer. Und wenn ich in der Ruhe bin, kann ich sein Flüstern auch vernehmen.
In der Ruhe zu bleiben ist jedoch inmitten einer Erregungskultur nicht einfach. Egal, ob in der Debatte um ein besseres Klima oder über die rechten Maßnahmen, damit Menschen nicht krank werden und auch wenn Menschen ihrer Heimat fliehen müssen: immer extremer werden die Fakten von Emotionen ersetzt. In dieser Situation mutet mir Jesus zu:
Ziehe dich nicht zurück. Rede im Licht. Predige von den Dächern. Allen Hassmails zum Trotz. Um des Lebens willen. Um der Gnade willen. Um Gottes Willen. „Fürchtet euch nicht vor denen, die euch bedrohen!.“
Ohne Furcht. „Fürchtet euch nicht vor denen, die euch bedrohen!“, höre ich. Und: Gott achtet mich Menschenkind wertvoller als die Sperlinge, die von den Dächern den neuen Tag ankünden.
Zur Zeit der Reformation gilt der Sperling als Volksfeind. Er wird verfolgt, weil er die Ernteerträge in der Landwirtschaft schädigt. Menschen, denen man feindlich gesonnen war, bezeichnete man als Vogelfrei. Vogelfrei,das heißt buchstäblich: zum Abschuss frei gegeben. Martuin luther bezeichnete man als Vogelfrei. Zum Glück hatte er Fürsprecher, die mutig auftraten und ihn beschützten.
Wir haben es viel einfacher. Wir dürfen frei sagen, was wir glauben. Und trotzdem haben viele das Redne verlernt. In einer Kirchgemeinde, in der ich eine zeitlang leben durfte sagten mir die Kirchgemeinderäte: „Wir machen alles, aber bitte nicht öffentlich reden!“ Fürchtet euch nicht! – so beginnt Jesu sein Gespräch mit dne Jüngenr.
Fürchtet euch nicht und redet miteinander über euren Glauben, so beginnen Veränderungen in unseren Gemeinden! Gott schenke uns die Ruhe und Phantasie, dass wir Worte für unseren Glauben finden.
Amen

Bereitgestellt: 01.11.2020     Besuche: 60 Monat 
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